2009

Der Sarg als Krisennagel

Die Wirtschaftskrise ist in aller Munde. Und in aller Blätter. Selbst in aller Läden scheint sie zu sein, zumindest in den USA. Denn da hat die Bild einen Riesenkrisenfund gemacht:

Krise- SärgeBeiWalMart


Ist es wirklich so schlimm? Muss der weltgrößte Einzelhändler jetzt schon für das eigenen Überleben vergrabbare Holzkisten veräußern?

Oder ist es nur ein konsequenter Dienst am Stammkunden, der vom ersten Babymilchpulver über Dosenwaren und Gefriergetrocknetes über sein Ableben hinaus sorgfältig, ertragssichernd und umfassend betreut werden soll?

Es darf spekuliert werden.



Rechnen mit der BILD

Eines der spöttischsten Print-Elemente in Deutschland ist ohne Zweifel die Bild. Wenn die Tagesschau eine Deutschlandfahne verdreht oder das ZDF Phishing mit Fisting verwechselt, sind die Sprachhüter und Volksaufklärer aus Berlin immer am Ball und verweisen als erste lautstark auf die Dummheit der anderen. Blöd nur, wenn sich dann nach dem Verfasser sogar der hauseigene Schlusslektor verrechnet:


Bild bildet - aber nicht in Mathematik


Diese Dummheit muss vermutlich nur passionierten Bildlesern mit einem IQ in der Nähe der Bogenzahl ihres Lieblingsaufklärungswerkes erläutert werden.



Selbstreferenziell?

Die beste Empfehlung ist ein guter Leumund. Helfen soll aber auch, sich in der Materie, mit der man sich befasst, gut auszukennen. Schließlich ist nichts peinlicher, als sich selbst ein Bein zu stellen.

Das gilt natürlich auch für Software und ihre Hersteller. Und hier verschärft für alles, womit der Kunde in Berührung kommt, denn da wird jeder Patzer registriert. Zum Beispiel dieser hier:


Fehler-Meldung eines Übersetzungspgoramms


Nun könnten Sie einwenden: "Mensch, reg dich nicht so auf, das ist ein kleiner Feler bei der Lokalisation." - "Das mag schon sein", werde ich erwidern, "aber diese Meldung gehört zu einem Übersetzungsprogramm!"

Und da bekommt solche ein Fensterchen einen ganz anderen Drive, nicht wa(h)r?



Alles-To-Go

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Inzwischen gibt es alles „To-Go“: Coffee-To-Go, Tea-To-Go, Brötchen-To-Go, English-To-Go, TV-To-Go... - Google findet für den Eintrag „To-Go“ mal eben Ungefähr 391.000.000 Ergebnisse (0,26 Sekunden)“. Da wundert es nicht länger, dass jetzt auch solche Schildchen zu finden sind:


Bildschirmfoto 2010-08-06 um 14.38.31


Und ich dachte immer, der Liebe Gott sei sowieso immer und überall...


Presse-Freiheit

Viele Journalisten glauben ja nicht an die Mär, dass Journalismus von PR dominiert wird. Da können die Haller dieser Welt munter ihre Leipziger Studien veröffentlichen – der Journalist ist unabhängig. Er ist auch nicht käuflich. Denkt er.

Und dann schreibt ein Journalistchefredakteurherausgaberinpesonalunion:


Qualitätsjournalismus_4


Was sie genau so sehen, hatte er vorher schon verraten, allerdings verleiht das dem bisher gesagten eine leichte Wende:


Qualitätsjournalismus_2.pn1


Win-win? Der Mann meint doch nicht etwas die Bereicherung des Kenntnissstandes der geneigten Leserschaft zur Erhöhung des Vergnügens beim Studium der gewählten Fachzeitschrift und zur Bestätigung der Richtigkeit der Auswahl eben dieses Mediums der Kenntniserweiterung durch die gebotene Qualität seiner Artikel und Fachbeiträge? Nein nein. Er meint ganz prinzipiell und grundsätzlich:


Qualitätsjournalismus_3


„Sum, ergo sum!“ als Direktive? Oder: „Was soll der schnöde Inhalt, ich will lieber ein Heft!“? Oder ist es doch wieder anders, und es geht dem Laden so dreckig, dass sein Chef an gar nichts anderes mehr denken kann als an „finanzieren“? Es schaut fast so aus...




Wahlvereitelung (hausgemacht)

Jetzt ist Wahlkampf. Hektische Zeiten. Man muss schnell reagieren. Muss dabei souverän wirken. Sich wechselnden Winden anpassen. Und immer die richtige Botschaft liefern. Schnell. Sehr schnell. Zu schnell?


SPD-Plakat


Denn was, wenn keiner den fehlenden Doppelpunkt nebst An- und Abführung mitdenkt?

Dann bedankst sich die CDU.
Glückwunsch!



Link(e)liste

„Es gibt nicht viel, was man vermeiden sollte, außer Dummheiten“, sagte meine Großmutter immer und erwies sich damit als überraschend aufgeklärt für eine 80-jährige.

Als solche hätte sie gewiss auch nicht den Mut eines Immobilienmaklers gehabt, der aus einem Web-Baukasten ein interaktives Formular einfügte, damit Besucher dort ihre Web-Empfehlungen unterbringen können. Das Resultat:


Webtipps-kontrapduktiv



Oder war es gar keine Dummheit, und der Mann wollte lediglich den Leumund seines Gewerbes im Internet illustrieren? Was wiederum zu einem anderen Satz meiner lebensweisen Großmutter führt: „Die Welt ist voller Rätsel...“



Wussten Sie schon?

"Zum gelungenen Angrillen gehört neben Grillgut und Getränken auch das richtige Zubehör fürs Handy."

Das hat mir jetzt mein Handy-Carrier mitgeteilt, als Beilage zur Rechnung. Und er bot auch gleich mannigfach Hilfestellung an:

Damit das Angrillen besonders supergut klappt, gibt es 20 % Rabatt auf passendes Zubehör. Was man so zum Angrillen braucht? In jedem Fall Speicherkarten. Die sind nötig für Fotos. Für verrückte Videos mit der Freundin. Und für grenzenlos Musik. Welch werbetechnisches Wunderwerk...

Denn wie auf den angepriesenen 4 GB Flashspeicher grenzenlos Musik Platz findet, ist eines der großen Rätsel dieser Kampagne. Ein anderes ist immerhin implizit beantwortet: Die verrückten Videos mit der Freundin werden entstehen, weil bei der ganzen seitenfüllenden Verbalinkontinenz nicht auch nur ein einziger Grill vorkommt, auf dem anzugrillen wäre. Pech, liebe Bratwürstelbraut.

Immerhin gibt es als weiteres Grillzubehör auch Headsets, mit denen man Gäste zur Grillparty einladen kann. Und ich weiß auch, was ich denen erzählen würde: „Jungs, denkt an den Grill! Den gab es nicht im Handy-Grillshop meines Vertrauens.“



Doppelte Sicherheit

Die Rhetorik ist eine Kunst, die schon die alten Griechen beherrschten. Um sie zu Kategorisieren und dem Könner sein instinktiv überzeugendes Tun auch Begrifflich transparent zu machen, brachten sie zahlreiche wunderschöne Begriffe auf die Welt, zu denen beispielsweise das Hendyadioyn gehört.

Die Römer als erste historisch dokumentierte Copy&Paste-Gesellschaft übernahmen in grundsteinlegender „una faccia, una razza“-Mentalität zwar die kulturbringenden Bereicherungen der eroberten Nachbarn, umschrieben sie aber lieber mit eigenen Begriffen. Und so geschah, was geschehen musste: Das Hendiadioyn plumpste aus dem aktiven Sprachgebrauch und lebte allein als zartes Echo seiner selbst in der Tautologie weiter.

Die Tautologie hinwiederum durchschritt nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches den Sumpf des finsteren Mittelalters, um schließlich als weißer Schimmel im allgemeinen Sprachgebrauch wiederaufzuerstehen. Dort trabte das sprachbegabte Tier eine Weile durch die Dezennien, bis ihm der Nachjahrtausendwechsel Einhalt gebot. Der Nachjahrtausendwechsel?

Es stimmt, der Begriff ist zu unscharf. Genau genommen war es sogar noch ein paar Jahre später. Und es war auch nicht der gesamte Tag, sondern lediglich ein Minütchen im unendlichen Strom der stetigen Zeit, in dem sich eine über jeden Zweifel erhabene Institutionen der Kultur und Wahrheitsfindung anerbot, den neuen Begriff zu prägen, nach dem der Wandel der schnelllebigen Zeit so sehnsüchtig lechzte.

Mit dem Zeitstempel „09.03.2009    12:19 Uhr“ versehen, schrieb die Süddeutsche online über die Vorbereitung des neuen Weitsprungeuropameisters die fortan gültigen Worte


Bild 2



Nun ist es passiert: Der weiße Schimmel weicht der 60-Meter-Regel. Das Pferd wiehert vor Freude. Und auch ich hätte es nicht schöner sagen können.



Gewollte Wahrheit

Wichtig ist nicht, was sie wissen. Wichtig ist, was sie zu wissen glauben. - Das ist absurd? Mitnichten. Zum Beleg sei ein kurzes Telefonat wieder gegeben, dass ich jüngst führen durfte:

Lemmler


Was ist dem noch hinzu zu fügen? Dass Vorurteile stärker sind als aller Verstand?





Neu-Zeit

Bei Orwells Big Brother gab es Neusprech, die modifizierte Sprache des Machthabers für die optimierte Versprachlosigkeitung seiner Untertanen. Und auch andere Protagonisten mit Hang zum Krakentum scheinen offenbar von dem Virus infiziert, die Welt mit Änderungen und eigenen Strukturen versehen zu wollen. Zu den passenden Phänomenen gehört beispielsweise Neuzeit. Kennen Sie nicht? Sieht so aus:


newtime


Neuzeit ist homebaked by a big Softwarehaus von internationaler Bekanntheit und erschien in dem Instant-Messaging Client eines nicht ganz so großen gleichfalls international erkannten Softwarehauses. Drolliger Weise war diese Anzeige gegen 16.40 MEZ zu sehen und – ist es vielleicht schon die weit harmlosere Erklärung für das Phänomen? – an einem Freitag dem 13. Gestern, um genauer zu sein. Nur war da 2008, nicht mehr 1985. Und noch nicht 2085.

Allerdings, wenn Sie glauben, auch der Monat sei modifiziert, dann irren Sie. Ihr Kalender unterschlägt bloß seit Jahren konstant den Neuwember.




Gerne schwitzen

Bei manchen Verkaufstexten, die es zu lesen gibt, stellt sich die Frage: Plauderten da komplette Deppen oder dreiste Profis? Das gilt insbesondere dann, wenn die Macht des Doppeldeutigen robust zwischen Fehl- und Zieltritt pendelt:


Matratzen für Leute, die gerne schwitzen.



Sagen Sie es mir: Wie soll ich das jetzt verstehen? Schwitzen Sie gerne? Oder ist das eine neue Variante von „Sex sells“?



Neues wagen?

Neues Jahr, neues Glück: Das scheinen sich auch die Profis gedacht zu haben, die kürzlich für einen bekannten Softwarehersteller ein neues E-Mail Mailing zusammen würfelten:


quark



Es ist doch schön, wenn man ein Jahr NACH einer Neuerung über diese riesengroß und knallorange in Kenntnis gesetzt wird. Und die aktuelle Neuerung fitzelklein darunter ausgegraut ist.

Selbst wenn ich grundsätzlich die Mühen von Kollegen schätze, hier hilft mir kein auf- und abwaberndes „Begeisterung“ und auch kein Betreff „Wagen Sie 2009 etwas Neues“ – ich verzichte weiterhin auf solchen Quark.



Insel der Paradiesvögel

Gute Menschen sind gerne gut. Und Gutmenschen? Haben gelegentlich einen Impuls zu gütig grinsender Dummheit. Glauben Sie nicht? Schauen Sie selbst:



Spenden-Dummheit


„Lieber Regenwald, du musst jetzt ganz tapfer sein. Deine Schirmherrin kann zwar jede Menge Bücher verkaufen, aber verdient nicht genug, um für die Rettung einer der wertvollsten Regionen der Welt die fehlenden 164 Euro aufzubringen...“


Gute Eigen-PR sieht anders aus.




Invers Reisen

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erleben. Heißt es. Stimmt aber nicht. Schuld daran ist das Internet, und hier ein automatisiertes Auskunftssystem. Denn wo früher ein Mitarbeiter eines Reisebüros gewissenhaft Kataloge wälzte und Tabellen abglich, kümmert sich heute ein liebenswerter Bug um das Fortkommen des Reisewilligen:


Zeitverschiebung



Auch wenn das Projekt „Wien“ äußerst reizvoll war: Es mangelte mir am nötigen Können in der Handhabung inverser Zeit. Und so musste ich auf das wundersame Erlebnis eines Rückflugs vor Ankunft leider verzichten. Wie schade.